Terror


Die amerikanische Regierung entschuldigt sich bei den Afghanen — wieder einmal. Diesmal, weil im Jahr 2010 US-Soldaten Leichen von afghanischen Selbstmordattentätern geschändet haben. Fotos davon sind jetzt in der Los Angeles Times veröffentlicht worden. Vor ein paar Wochen erst hat ein einzelner US-Soldat in einem Dorf ein Massaker angerichtet. Er erschoss 17 Afghanen im Schlaf, darunter waren neun Kinder. Bekannt geworden war auch,  dass Soldaten auf getötete Gegner gepinkelt und sich dabei haben filmen lassen. Ein anderes mal haben Soldaten in einer Militärbasis Koran-Ausgaben verbrannt, was zu wochenlangen gewaltsamen Ausschreitung führte.

Gewiss, das alles sind die Taten einzelner. Der amerikanische Verteidigungsminister Leon Panetta hat Recht, wenn er angesichts der jüngsten Skandals sagt: „Dies ist Krieg. Und ich weiß, dass Krieg schmutzig und gewalttätig ist. Ich weiß, dass junge Leute manchmal in der Hitze des Augenblicks sehr dumme Entscheidungen treffen.“

Doch es bleibt die verstörende Tatsache, dass die selbst ernannten Befreier immer öfter barbarische Züge tragen. Die Frage ist: Warum?

Panetta hat es angesprochen. Krieg ist eine Brutalisierungsmaschine. Je länger ein Krieg dauert, desto mehr wirkt sie. Die amerikanischen Soldaten stehen seit mehr als zehn Jahren in Afghanistan. Sie führen einen Zermürbungskrieg, den sie nicht gewinnen können. Gleichzeitig ist zu Hause die Zustimmung zu diesem Krieg dramatisch gesunken. Schließlich wissen die meisten Soldaten nicht mehr, warum sie eigentlich dort sind. Das untergräbt die Moral.

Es ist auffallend, dass sich die Skandale häufen, je näher der Abzugstermin rückt. Nach der Devise: Hier gibt es nichts mehr zu gewinnen, da können wir gleich noch einmal richtig zuschlagen,  unserem ganzen Hass freien Lauf lassen. Der Dämon des Krieges feiert noch einmal ein grausiges Fest, bevor es zu Ende geht.

Doch die Amerikaner – der Westen – haben noch sehr viel zu verlieren in Afghanistan. Der beschlossene Abzug 2014 ist richtig, doch ist es von größtem Interesse für den Westen, dass Afghanistan auch nach diesem Datum ein Verbündeter bleibt. Denn Afghanistan liegt in einer geostrategisch äußerst wichtigen Region. Es grenzt an die ressourcenreichen Staaten Zentralasiens, es grenzt an Iran, an Pakistan und ist damit auch für Indien von Bedeutung.

Den Krieg wird der Westen nicht gewinnen, er sollte aber Afghanistan nicht verlieren. Derzeit verhandeln die USA mit der afghanischen Regierung über den Verbleib von Militärbasen nach 2014. Die Schandtaten von US–Soldaten werden diese Verhandlungen gewiss nicht erleichtern.

Wenn es weitere Skandale dieser Dimension geben wird, wenn sie sich häufen werden, und das steht zu befürchten, dann könnte das Schlimmste eintreten. Die Nato würde das Land verlassen wie 1989 die Sowjetarmee: gehasst und verachtet von den Afghanen.

Advertisements

Die letzten verfügbaren, zuverlässigen Zahlen über die Zahl der getöteten Zivilisten in Afghanistan stammen aus dem Sommer 2011. Nach dem Bericht der Unama gibt es einen Anstieg von 20 Prozent. In dem Bericht steht zu lesen

The protection of civilians remained a critical concern over the reporting
period. UNAMA documented 2,950 conflict-related civilian casualties (including 1,090 deaths and 1,860 injuries of Afghan civilians), an increase of 20 per cent compared to the same period in 2010. Anti-Government elements were linked to 2,361 civilian casualties (80 per cent of the total number of civilian casualties), while pro-Government forces were responsible for 292 civilian casualties (10 per cent of the total number). The remaining 10 per cent could not be attributed. The rise in civilian casualties, following the Taliban’s announcement of a spring offensive on 30 April, was due in part to an expansion in the operations of anti-Government elements and pro-Government forces throughout the country, particularly in the north and in the regions bordering Pakistan.

Die Nato will aus Afghanistan ihre Truppen bis 2014 abgezogen haben. Die interessante Frage ist: WER kommt danach? Denn sicher wird Afghanistan nicht in Ruhe gelassen werden, dafür ist seine strategische Lage zu bedeutend. Afghanistan liegt an der Grenze zu den ölreichen zentralasiatischen Staaten. Und der Energiehunger der Welt wächst -besonders der Chinas und Indiens.

Also WER kommt nach der Nato nach Afghanistan?

Zum Beispiel die Inder.

Die afghanische Regierung hat im Herbst des vergangenen Jahres dem indischen Stahlriesen Hajigak Lizenzen zur Ausbeutung von Eisenerzminen erteilt. Die indische Regierung hat bei der Zustande kommen dieses Abkommens einen wichtige Rolle gespielt. Warum? Hier die Begründung

„India’s government backed the group (Hajikag), led by state-owned Steel Authority of India Ltd. (SAIL)and NMDCLtd. (NMDC)to widen the country’s strategic presence in Afghanistan, which Prime Minister Manmohan Singh has said is essential for Indian security.“

Am 28. Januar wird in London eine große Afghanistankonferenz stattfinden. Dort wird wieder viel die Rede sein von allen möglichen Strategieen – und am Ende wird man sich vielleicht für eine entscheiden. Sicher ist das allerdings nicht, denn die Verwirrung und Uneinigkeit unter den Geberländern ist gr0ß. Nur über eines scheint Konsens zu herrschen: Dass es möglich sei, Afghanistan für den Westen zu „retten“, wenn man nur die richtigen Hebel in Gang setzte. Das ist eine Illusion, denn es gibt den zentralen Maschineraum nicht, den man nur richtig bedienen müsste, damit Afghanistan auf gutem Weg kommt.  Es gibt viele kleine Stellen, an denen es zu intervenieren lohnt, an denen man mit relativ wenig Aufwand viel bewirken kann. Viele Nichregierungsorganisationen machen das seit Jahren vor.  Von ihrem Beispiel könnte man lernen.

Stattdessen aber scheint der Westen auf den großen Hammer zu setzten – auf das Militär. Wie groß dieser Hammer ist, kann man in Zahlen ausdrücken.  US-Präsident Barack Obama hat den Kongreß um 33 Milliarden zusätzliche Dollar gebeten, um den Krieg in Afghanistan zu finanzieren. Damit werden die Gesamtausgaben für den Krieg im Irak und in Afghanistan auf 159 Milliarden Dollar steigen. Um die Dimension klar zu machen: Das ist ungefähr die Hälfte der Summe,  die  alle Staaten der Welt zusammen, außer der USA, jährlich für ihre Verteidigung ausgeben.

Um die wirklichen Probleme Afghanistans zu begreifen, sollten diese astronomischen Ausgaben für den Krieg in Verbindung mit dem Alltagsleben der Afghanen gebracht werden. Auch diese lässt sich in Zahlen ausdrücken. Das selbst erwirtschaftete Budget der Regierung beläuft sich auf rund 600 Millionen Dollar, davon werden 22 Millionen Dollar allein dafür ausgegeben, den Präsidenten des Landes Hamid Karzai zu schützen. Die Afghanen selbst gaben in den letzten 12 Monaten nach einer Studie der UN 2,5 Milliarden Dollar  für Schmiergelder aus. Durschnittlich musste jeder Afghane 160 Dollar im Jahr ausgeben, um jemanden zu schmieren. Das durchschnittliche Jahreseinkommen der Afghanen beträgt 425 Dollar.

In der morgigen Ausgabe der ZEIT ist eine Interview mit dem ehemaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier zu lesen, das ich mit meinem Kollegen Peter Dausend geführt habe. Das Thema: Afghanistan. Steinmeier versucht einen schwierigen Spagat zwischen der politischen Verantwortung für den Einsatz und der zunehmend abzugswilligen Öffentlichkeit. Steinmeier sagt , dass der ursprüngliche Plan, der auf der Petersberger Konferenz 2002 für Afghanistan entworfen worden war, zu „ambitioniert“ gewesen sei. Das ist ein bemerkenswerte Aussage.

Tatsächlich wunschte ich mir, dass ein Historiker rekonstruiert, was zwischen den Attentaten vom 11. September 2001 und er Petersberger Konferenz, die am 27.11. 2001 begann und am 5. Dezember 2001 endete, geschehen ist. Es ließe sich eine Geschichte darüber schreiben, wie Deutschland in diesen Einsatz rutschte, der sich bald als Krieg herausstelte.

Warum ich glaube, dass Deutschland und die Nato keinen Erfolg haben, das können Sie hier lesen.

Der afghanische Präsident Hamid Karzai hat keinen gut Ruf – das war vor nicht zu langer Zeit mal anders. Seine Erscheinung beeindruckte die westlichen Modemagazine. Auf der von Esquire veröffentlichten  Liste der „bestangezogenen Männer der Welt“ landete Karzai 2007 auf Platz 10. Das wird ihm gefallen haben. Afghanische Männer präsentieren sich nämlich erfahrungsgemäß sehr gerne der Öffentlichkeit:

Zwei junge Männer im Zoo von Kabul@Ulrich Ladurner, Kabul, 2007

Tom Koenigs, Grünen-Politiker und früherer UN-Chef in Afghanistan,  widerspricht der evangelischen Bischöf Margot Käßmann in Sachen Afghanistan. Käßmann hatten den Krieg in Afghanistan verurteilt . Koenig schreibt nun auf ZEIT online: „Ernsthafter Friedenswille allein reicht leider nicht immer. Auch die Taliban werden sich nicht nur durch gute Worte oder finanziellen Sanktionen, wie sie Frau Käßmann fordert, vom Morden abhalten lassen.“

Was Königs zu erwähnen vergißt: Es ist offizielle Politik der Regierung in Kabul mit den Taliban „gute Worte“ zu wechseln, um sie in den politischen Prozess zu integrieren; es ist auch inoffizielle Politik der Nato „gute Worte“ mit den Taliban zu wechseln, um den Krieg zu beenden.

Käßmann hatte in ihre Predigt in mangelnde Kreativität in der Friedenspolitik angemahnt.

Nächste Seite »