Heute morgen bin ich in Kabul gelandet, mit Safi-Airways. Die Linie bietet eine Direktflug aus Frankfurt an. Es ist der dritte Tag des Eid-Festes, das den Fastenmonat Ramadan beschließt. Die Straßen sind „sonntäglich“ ruhig. Auf dem Weg in das Zentrum passieren wir die Stelle an der am Freitag vergangener Woche sich ein Attentäter in die Luft sprengte und sechs italienische Soldaten und zehn afghanischen Zivilisten tötete. Der Krater im Asphalt ist provisorisch mit Kies zugeschüttet. Ansonsten erinnert nichts mehr an die Tat, vielleicht noch die zahlreichen Uniformierten, die am Wegesrand ihre Waffen zeigen.
Vom Ort des Anschlags sind es nur wenige Meter zu dem Massud-Kreisel. Das ist ein Platz, dessen Geschichte der viel sagt über die politische Lage in Afghanistan. In der Mitte des Kreisels steht eine Säule, die einem Obelisk ähnelt. Sie ist Schah Achmad Massud gewidmet, dem tadschikischen Krieger aus dem Panschirtal. Achmad Massud galt als „unbesiegbar“. Weder die Rote Armee noch die Taliban konnten ihn besiegen und sein Panschirtal unter Kontrolle bringen. Dieses Tal liegt ungefähr eine Autostunde von Kabul entfernt. Man erreicht es nur über einen engen, schluchtartigen Zugang, durch den der Fluß Panschir braust.
Massud kam am 9. September 2011 durch eine Attentat ums Leben, wahrscheinlich hatte Al Kaida-Chef, Osama bin Laden, den Auftrag gegeben. Zwei Tage später krachten die Zwillingstürme des World Trade Center zusammen. Massud galt vielen im Westen, insbesondere in Frankreich, als der „gute“ Kriegsherr. Dabei waren seine Männer genauso grausam wie die der anderen Kriegsherren. Doch Massud diente als Projektionsfläche aller möglichen westlichen Sehnsüchte.

Nachdem die Taliban im Herbst 2001 überstürzt Kabul verließen, kamen die Panschiris, die Teil der siegreichen Nordallianz waren, in die Stadt und besetzten in Windeseile die Schaltstellen der Macht. Die Panschiris versuchten Massud als afghanischen Nationalhelden sowie als Helden im Kampf gegen den Al Kaida Terror zu stilisieren. Der Obelisk am Massud-Kreisel ist ein Produkt dieser Mythisierung – allerdings glaube ich nicht, dass sie viel Erfolg hatte. Die Afghanen – insbesondere die Bewohner Kabul – wissen nur zu genau um die Verbrechen, welcher sich die Männer Massud während des Bürgerkrieges der achtziger Jahre schuldig gemacht haben.

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